temporär in Stahlheimer Str. 24, 10439 Berlin im "Praxiskollektiv" praxis@sandraananda.de

Ist das (noch) hochsensibel? Viele, die sich plötzlich überreizt, erschöpft und den eigenen Reizen ausgeliefert fühlen, nennen das hochsensibel. Dabei war es vorher nie so. In diesem Artikel blicke ich auf einen bisher wenig beachteten Faktor, der zu Überforderung und Überstimulation kann: zu wenig Energie. Was können Mitochondrien mit entgleister Hochsensiblität bzw. Hypersensibilität zu tun haben, wo steht die Forschung gerade und was darf man in der Therapie (zuerst) bedenken? 

Ich bin selbst hochsensibel. Seit ich denken kann, nehme ich intensiv wahr, verarbeite tief, erinnere in vielen Details und Bildern und dass das anders ist als bei anderen, habe ich erst später gelernt und finde noch immer neue Unterschiede. Intensität ist hier wirklich das Schlüsselwort und sie kann kippen, schlicht zu viel werden. Je länger das anhält, umso deutlicher spüre ich auch körperliche Konsequenzen. Dann bin ich nicht nur hochsensibel, sondern auch hypersensibel geworden, quasi die leidvolle nicht regulative Form.

In meiner Praxis habe ich daher einen guten Riecher entwickelt, wie sensibel jemand ist. Es ist natürlich ein großer Bias, aber die 20 % Hochsensibilität in der Bevölkerung (und bei vielen Tierarten) wie schon Pawlow postulierte, sind hier vielleicht 60 oder 70 %. Nun kommen viele auf Empfehlung zu mir und Hochsensible befreunden gerne andere Hochsensible. Doch manchmal ist es das gar nicht und jemand, der eigentlich gar keine veranlagte Sensibilitätssteigerung hatte, zeigt jetzt auch Erschöpfung, Überreizung, Kapazitätsgrenzen. Viele fragen sich dann, ob sie jetzt hochsensibel geworden sind. So kennen sie sich gar nicht, sagen sie. Wahrscheinlich liegt hier eher eine Hypersensiblität vor. Die kann nicht nur alle treffen, sondern ist auch ein Symptom des Körpers, aus der Bahn geflogen zu sein. Zeit also, wieder für Balance zu sorgen.

Was ist Hochsensibilität eigentlich – und was nicht?

Hochsensibilität (im englischen Original: Sensory Processing Sensitivity, geprägt von Elaine Aron) beschreibt eine angeborene, stabile Art, Reize zu verarbeiten. Wer so veranlagt ist, nimmt mehr wahr, verarbeitet tiefer, spürt Zwischentöne, die andere gar nicht registrieren. Einige Forscherinnen und und Forschen sehen darin evolutionär keine Schwäche, sondern eine Strategie. Für die Gemeinschaft, also die nahestehenden Menschen heute verarbeiten hochsensible Menschen Informationen und emotional wichtige Signale besonders gründlich und gehen dafür selektiver mit dem Rest um. Sie sind Frühwarnsystem und Mediatoren und finden Ressourcen der Gemeinschaft besser.

Das bleibt ein Leben lang bestehen. Denn das Nervensystem ist einfach anders veranlagt. Es gibt auch keinen fluiden Übergang zu “normal”-sensiblen Menschen, sondern tatsächlich signifikante Unterschiede.

Hypersensibilität, wie ich sie in meiner Praxis verstehe, aber ist ein Zustand. Er kann jeden treffen und eben auch Menschen, die sich sonst nie als besonders empfindlich beschreiben würden. Symptomatisch zeigt sich Überforderung, Reizüberflutung und das dringende Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Das kennen regulierte hochsensible Menschen auch. Doch nach einer kurzen Pause, einem ruhigen Abend in Entspannung mit sich allein, geht es wieder weiter. Nicht bei Hypersensibilität. Der Zustand kann langanhaltend sein; Wochen, Monate, Jahre vergehen damit. Zugrunde liegt hier, dass dem System schlicht die Kraft fehlt, alles zu verarbeiten.

Wir sprechen darüber zu wenig!

Warum eigentlich? Das Thema selbst ist schambehaftet. Wer zugibt, überreizt zu sein, gilt schnell als Mimöschen, soll sich nicht so haben, soll doch mal locker bleiben. In einer Leistungsgesellschaft, die Funktionieren belohnt und Rückzug als Schwäche liest, sagt kaum jemand offen „Ich kann gerade nicht mehr“. Und wenn er oder sie es doch tut, ist es schon weit gekommen. Großes Leid klingt mit, wenn ich oft im ersten Gespräch höre, wie man einfach schon so lange nicht mehr die Energie für die eigenen Träume und Ideen hat. Dann hat sich das aufgebaut und wenn wir zurückverfolgen, finden wir oftmals sogar den Beginn im Teenageralter. Andere sind schneller in der Praxis, wenn sich nämlich eine Erkrankung einstellte und man irgendwie gar nicht mehr in seine Kraft zurückfindet. Auch hier vergeht oft ein Jahr, bis Betroffene zu Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern gehen.

Es gibt ein paar Ansätze und ein paar Brennpunkte sozusagen, die im Körpersystem dafür angeschaut werden dürfen. Aber ein ganz zentraler Punkt, der unmittelbar mit Energie zu tun hat und den ich immer mehr wertschätze so konkret zu betrachten, ist ein Organ, an das dabei kaum jemand zuerst denkt: die Mitochondrien.

Was Mitochondrien mit Reizüberflutung zu tun haben

Reine Wahrnehmung, also etwas sehen, hören, spüren, ist für unser Gehirn vergleichsweise günstig. Teuer wird es erst danach, wenn wir Wichtiges von Unwichtigem trennen und einordnen müssen und dann oben drauf auch noch entscheiden, worauf wir reagieren dürfen. Diese Filterarbeit ist eine der energieaufwändigsten Leistungen, die unser Nervensystem überhaupt erbringt.

2025 ist dazu eine Studie erschienen (noch im PrePrint), die genau das mittels fMRT und im Vergleich mit gesunder Kontrollgruppe an Menschen mit primären mitochondrialen Erkrankungen untersucht hat. Das Ergebnis war differenzierter, als man zunächst denken würde. Bei reiner Sinneswahrnehmung waren die Unterschiede gering und bei der Schmerzverarbeitung praktisch nicht vorhanden. Beim Arbeitsgedächtnis aber, also bei der besonders energieintensiven kognitiven Feinarbeit, zeigten sich deutliche Einschränkungen. Die Autorinnen und Autoren interpretieren es so, dass das Gehirn unter metabolischer Einschränkung (also Stoffwechselreduktion) die günstigeren Funktionen zulasten der teuren priorisiert werden.

Übertragen auf den Alltag bedeutet das, dass Reize weiterhin ankommen, doch das Einordnen, Gewichten, das Filtern nicht mehr zuverlässig gelingt, weil Energie fehlt. Reize kommen rein und überfluten das System. Auch wenn die Studie nicht direkt Hoch- oder Hypersensibilität untersucht hat, liefert sie ein plausibles Modell dafür, warum Menschen, die Probleme haben, in ihren Zellen Energie zu produzieren, Symptome entwickeln, die typisch für temporäre Überstimulation (Hochsensiblität) und Hypersensibilität (dauerhafter gestörter Mechanismus) sind.

Für mich liefert die Beschäftigung mit Mitochondriengesundheit viele logische Erklärungen zu schier einer Menge von heutigen Problemen. Und eine ist eben auch, dass deshalb Hochsensiblität kippen kann oder sich Menschen schlicht überfordert fühlen und nicht verstehen, was sie noch tun können.

Mitochondrien im Blick in der Behandlung

Woran also liegt es genau? Warum produzieren die Mitochondrien scheinbar nicht genügend Energie? Eine erste Frage ist in der Praxis tatsächlich, welche Last reduziert werden kann. Das mag körperlich wie psychisch sein.

  • Die meisten haben Auffälligkeiten im Magen-Darm-Bereich. Das liegt einfach am Zusammenspiel von Dauerstress, Nebennierenbelastung, Entzündungssteigerung, Mineralstoffmangel. Es kann zu Schwächen in Magen, Leber, Bauchspeicheldrüse (übrigens das “Mimöschen der Bauchorgane” wenn wir schon von Sensiblität sprechen, da sie bei Stress weniger Enzyme bildet) und natürlich im Darm führen. Darmtherapie ist also oft Ansatz Nummer 1.
  • Und dann Stressentlastung. Weil ich keine Freundin von 7-Jahre-Gesprächstherapie bin (obwohl das natürlich interessant sein kann, aber einfach nicht energieeffizient ist), arbeite ich hier mit der Microkinesitherapie (”Psychotherapie ohne Worte”), die eine tiefenentspannende manuelle Therapie ist, welche körperliche und psychische Blockaden löst. Manchmal sind es auch behaviouristische Ansätze, also ein Umlernen, das zielführend sein kann.
  • Achtsamkeit, Meditation diverser Art, Alltagsideen für mehr Rhythmus und Atem etc. kommen hinzu.
  • Ernährung: Hier braucht es sooo viel Aufklärung durch die ganzen Trends und Mythen. Eine der Kernideen hier ist der Blick auf den Blutzucker.
  • Eventuell Immuntherapie etc.

Neben der Entlastung und damit Reduktion des Widerstand im (Energie-)Körper braucht es individuelle Ansätze, damit der Flux in den Mitochondrien wieder gestärkt wird. Hier kommt z. B. Bewegung ins Spiel, die aber je nach Mitochondrien-Verfassung auch nach hinten losgehen kann. Ernährung und NEMs können hier stützen. Ich teste das individuell aus.

Und so verfolgen wir Schritt für Schritt und individuell, wie Körper und Geist hoffentlich wieder zu mehr Kapazitäten komm, die Energie, der Elan, der eigene Ausdruck wieder in den Augen leuchtet.

Am Ende ist immer noch hochsensibel wer es vorher auch war. Aber mit Freude und Kraft und Fähigkeit, sich innerhalb kurzer Zeit zu regenerieren. Und jene, denen die Überstimulation eher selten zuvor begegnete, dürfen sich auch wieder davon verabschieden.

Manchmal dauert der Prozess aber lange, die Schritte sind klein, doch kontinuierlich. Wenn wir aber tatsächlich auf einen Beginn in Teenager-Jahren zurückblicken und sind nun in den 40ern und 50ern, dann ist es auch verständlich, dass es oftmals nicht in wenigen Wochen zu regulieren ist. Manchmal geschehen Wunder und die lade ich ausgesprochen mit ein!

Also, seit wann bist du hochsensibel? Oder ist es doch eher hypersensibel?

Wenn du das Gefühl hast, ständig reizüberflutet zu sein, es zu viel wird, dich in deinem Ausdruck bremst, statt dich zu inspireren, dann lass uns das gemeinsam anschauen und die Lebensenergie zurück holen.