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Was, wenn Alkohol in der Schwangerschaft nicht immer aus dem Glas kommt?
Studien zeigen Widersprüche: Biomarker sprechen für Alkoholexposition, während viele Mütter angeben, keinen Alkohol getrunken zu haben. Gleichzeitig rückt ein bislang wenig beachteter Faktor in den Fokus – der Darm. Bestimmte Mikroorganismen können Ethanol selbst herstellen, meist unbemerkt und in niedrigen Dosen. Dieser Artikel verbindet aktuelle Forschung, klinische Erfahrung und eine unbequeme Frage. Sollten wir beim Thema Alkohol, Schwangerschaft und FASD weiter denken und den Darm mit einbeziehen?

FASD: Fetales Alkoholsyndrom und seine Auswirkungen

2013 lernte ich zum ersten Mal vom sog. FASD, dem Fetalen Alkoholsyndrom. Es war eine der fantastischen Dokumentationen von Attitude, welche auf das Thema nicht nur hinwiesen, sondern auch zeigten, was dies für den Alltag bedeutet. Das gesamte Spektrum des Syndroms breitet sich zwischen einer ADHS-ähnlichen Symptomatik bis hin zu erhebliche Defizite der Impulskontrolle, Emotionsregulation und Exekutivfunktionen aus. Jene Menschen brauchen ihr Leben lang Begleitung und Unterstützung, da sie selbst keinen Alltag planen können, sozial immer wieder gegen eine Wand laufen und innerlich unter Dauerstrom stehen. Wie es ist, mit FASD zu leben, möchte ich mir kaum vorstellen und werde es nie erfassen können.

Alkohol in der Schwangerschaft: Schuld, Scham und Stigmatisierung

Es ist ein Leid, das prinzipiell verhinderbar ist, denn die einzige dafür bekannte Ursache ist eine pränatale Alkoholexposition – heißt: während der Schwangerschaft kam das Ungeborene in Kontakt mit Alkohol. Ich finde diese eine Dokumentation einfach nicht mehr, in der auch eine Mutter eines erwachsenen FASD-Kindes interviewt wurde und eine andere Erwachsene mit FASD sehr überzeugend davon sprach, dass ihr Mutter schwörte, wirklich keinen Tropfen Alkohol in der Schwangerschaft angefasst zu haben. Die meisten dokumentierten und öffentlichen Fälle stammen von Adoptiv-Kindern und -Eltern, da das Thema stark stigmatisiert ist. Wer möchte schon im Lichte der Öffentlichkeit stehen und sagen, man hat dieses Leid bei jemand anderem verursacht, nur, weil man einmal oder mehrmals die Hände vom Alkohol nicht lassen konnte oder wollte!?

Auch geringe Mengen können, abhängig vom Zeitpunkt der Exposition und individueller Vulnerabilität, schädlich sein. Immer mutigere Mütter, die auch selbst nachträglich ihre Schuld eingesehen haben, geben Vorträge und machen das Thema so präsent wie möglich. Es ist ihr Versuch des Wiedergutmachens und sie sind eine kraftvolle Stimme in der Aufklärung. 

Wie viele Frauen trinken Alkohol in der Schwangerschaft

Parallel dazu aber steigen die Zahlen. 2017 hieß es, dass jede 10. Frau weltweit und in Europa während der Schwangerschaft Alkohol trinke. Unglaublich! Doch es wird schärfer: In Deutschland war der Schnitt bei jeder vierte Frau! Wie kann das sein? Lebe ich so sehr in meiner Bubble? Aber nein, je mehr Menschen ich frage, umso mehr bestätigen mir, dass sie das nicht glauben können. 2025 wurde die Zahl korrigiert: In der S3-Leitlinie FASD wird auf Basis epidemiologischer Daten und unter Berücksichtigung einer hohen Dunkelziffer nun davon ausgegangen, dass bis zu etwa jede dritte Frau während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert. Uff.

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Jede 10. Schwangere weltweit und in Europa trinkt Alkohol

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In Deutschland soll es jede 3. Schwangere sein. Wirklich?

Biomarker, Mekonium und Ethylglucuronid: ADHS oder FASD?

2018 kam eine Studie heraus, welche die „Auswirkungen des pränatalen Alkoholkonsums auf die kognitive Entwicklung und das Verhalten im Zusammenhang mit ADHS im Grundschulalter“ untersuchte. Dazu wurden frisch gewordene Mütter über ihren eventuellen Alkoholkonsum in der Schwangerschaft befragt und gleichzeitig das Mekonium der Säuglinge untersucht. Mekonium ist der erste Stuhl eines Säuglings, in dem angefallene Stoffwechselendprodukte aus der Schwangerschaft zu finden sind. Hierin wurde nach Ethylglucuronid gesucht und es im positiven Fall auch quantifiziert. Dieser Stoff ist ein Marker für pränatale Alkoholexposition. Die Studie zeigte für mich primär zwei interessante Aspekte:

 

  1. Man fand in mehr Proben Ethylglucuronid als Mütter einen Alkoholkonsum bestätigten. Alkohol könnte über Medikamente oder Lebensmittel unwissend konsumiert und/oder die Fragen eben auch aus Scham oder Bagatellisierung nicht korrekt beantwortet worden sein. In der Medizin gibt es aber auch eine lange Geschichte dafür, dass Frauen (insbesondere im Kontext von Schwangerschaft und Verantwortung) schneller angezweifelt werden als ihnen geglaubt wird. Auch wenn diese Studie federführend von Frauen durchgeführt wurde, könnte dies hier ebenfalls eine Rolle spielen.
     
  2. Als die Kinder im Alter von 6 Jahren untersucht wurden, zeigten jene mit positiver Ethylglucuronid-Messung als Säugling Auffälligkeiten, die wir im Spektrum ADHS-typischer Symptome erfassen. Je höher der Wert im Mekonium war, umso stärker waren tatsächlich die Ausprägungen der Symptomatik. Schlussfolgerung: Inwiefern sind Fälle von FASD fehldiagnostiziert als ADHS? Gerade leichtere FASD-Symptomatik ist damit gut verwechselbar.

Wenn selbst Leitlinien sagen, dass unsere Messmethoden unzureichend sind, warum tun wir dann so, als sei die Schuldfrage eindeutig?

Wenn Zahlen und Aussagen nicht zusammenpassen

Ich hatte also die Information über Interviews mit Müttern mit FASD-Kindern, die geschworen haben nie einen Tropfen Alkohol in der Schwangerschaft angefasst zu haben. Hinzu kam die Studie von 2018, wo den jungen Müttern einfach nicht geglaubt wurde, die sagten, sie hätten keinen Alkohol getrunken. Und dann haben wir die krass steigende Zahl, die davon ausgeht, dass nunmehr jede dritte Frau in Deutschland Alkohol in der Schwangerschaft trinken würde – wo doch eigentlich die Aufklärung immer größer wird und das in weiten Teilen der Bevölkerung Allgemeinwissen ist.

Hier stimmt was nicht!
Richtig. Was wäre, wenn wir den Frauen einfach mal glaubten? Sicher gibt es jene, die trinken. Jene, die in den öffentlichen Interviews und Dokumentationen porträtiert sind, sind öfters von Alkoholikerinnen adoptiert und es gibt vor der Adoption oftmals Aufklärung, da sich auch durch vermindertes Geburtsgewicht und -größe, sowie durch Auffälligkeiten im Gesicht schon fast die Diagnose stellen lässt (das sind schon 2 von 4 Faktoren für die Diagnostik).
Wenn selbst Leitlinien sagen, dass unsere Messmethoden unzureichend sind, warum tun wir dann so, als sei die Schuldfrage eindeutig? Wenn wir den restlichen Frauen einfach mal glauben und das Nachforschung inspiriert, landen wir vielleicht bei einer Überlegung, die ich seit 2023 in meiner Praxis verfolge und im Kolleginnenkreis kommuniziere: Kommt das aus dem Darm? 

Darmgesundheit und Dysbiose: Ein unterschätzter Faktor

Die Darmgesundheit vieler Menschen ist beeinträchtigt und in der Praxis zeichnet sich ab, dass die Zahl der Patientinnen zunimmt und auch die Schwierigkeit, die Gesundheit wieder herzustellen. Die Therapiedauer ist gestiegen und die Patienten werden immer jünger. Gerät das Gleichgewicht des Darmmikrobioms aus der Balance, spricht man von einer sogenannten Dysbiose. Dabei verschiebt sich das Verhältnis von hilfreichen zu potenziell problematischen Mikroorganismen, was mit veränderten Stoffwechselprozessen einhergehen kann. 

Endogene Alkoholbildung: Kann der Körper selbst Ethanol produzieren?

Unter bestimmten Bedingungen entstehen dabei Stoffwechselprodukte, die für den menschlichen Organismus belastend sind – darunter auch Ethanol und dessen Abbauprodukt Acetaldehyd. Das bedeutet nicht, dass jede Dysbiose automatisch zur Alkoholbildung führt, wohl aber, dass der menschliche Körper grundsätzlich in der Lage ist, Ethanol endogen zu produzieren, ohne dass Alkohol getrunken wird.

Candida, Fermentation und Alkoholbildung im Darm

Das hat sogar einen Namen: das Eigenbrauer-Syndrom. Vermehrt im Fokus stand dabei Candida ssp. Das ist ein Hefepilz und wer sich ein bisschen mit Fermentation auskennt, weiß, Hefe ist super, um etwas zu Alkohol zu fermentieren. In der klinischen Praxis und in funktionell-medizinischen Konzepten wird eine ausgeprägte Candida-Besiedelung seit längerem mit psychischen Auffälligkeiten in Verbindung bis hin zu schweren Störungsbildern wie Schizophrenie gebracht. Auch in meiner eigenen Praxiserfahrung zeigt sich dieser Zusammenhang in Einzelfällen sehr deutlich. Bei entsprechender Populationsdichte und geeigneten Substraten, wie leicht vergärbaren Kohlenhydraten aus Brot oder Obst, kann Candida zur Bildung von Ethanol beitragen. Dies kann sich in einzelnen Fällen auch in kurzfristigen Alkohol-Spitzen äußern. Passiert dies immer und immer wieder geht das sehr zu Lasten unserer Leber.

Candida in der Schwangerschaft: Warum Zurückhaltung wichtig ist

In der Vergangenheit wurde bei Candida-Überwucherungen häufig versucht, dem Pilz durch strenge Diäten seine Nahrungsgrundlage zu entziehen. Diese Ansätze werden heute deutlich kritischer gesehen, da sie mit unerwünschten Effekten einhergehen können und nicht für jede Situation geeignet sind. Stattdessen gibt es entweder den Vollangriff mit candida-schädlichen Mitteln oder die Frage, warum Candida eigentlich so präsent ist. Hier begegnen wir einem entscheidenen Punkt, der die Behandlung von Candida in der Schwangerschaft besonders schwierig gestaltetet. In der naturheilkundlichen Diskussion wird oft die Fähigkeit bestimmter Hefen, darunter Arten der Gattung Candida, hervorgehoben, Metallionen an sich zu binden. In experimentellen Modellen und in vitro konnte gezeigt werden, dass Hefen als lebende oder tote Biomasse Schwermetalle wie Cadmium, Blei oder Zink adsorbieren können, also an ihre Zelloberfläche binden oder mit Bestandteilen ihrer Zellwand komplexieren. Die Praxis hat gezeigt, dass Schwermetallausleitungen
und -abbindungen zu einer sekundären Reduktion von Candida führt. Man könnte sagen, dass der unmittelbare Nutzen von Candida für uns somit höher ist, als sein Schaden – zumindest vorübergehend. Versuchen wir nun mit candida-feindlichen Mitteln diesen Hefepilz zu beseitigen, was durchaus sehr schnell gehen kann, lässt Candida all die gesammelten Schwermetalle usw. los und sie flotieren frei im Körper. Das ist das letzte, was man in einer Schwangerschaft gebrauchen kann. Eine Therapie von Candida muss also immer gut bedacht werden und nochmals besser und hinterfragter in der Schwangerschaft. Die meisten Therapeuten rühren Candida während einer Schwangerschaft nicht an.

Neue Studien: Klebsiella pneumoniae und das Eigenbrauer-Syndrom

Nun ist jüngst eine neue Studie zum Eigenbrauer-Syndrom herausgekommen. Aus ihr geht hervor, dass Candida vielleicht gar nicht so im Fokus steht wie bestimmte Bakterien bzw. so ein Eigenbrauer-Syndrom wahrscheinlich nicht allein erklären kann. So wird die Fähigkeit der Ethanol- und Acetaldehyd-Bildung durch Klebsiella pneumoniae und auch durch einen quasi entgleisten E. Coli herausgearbeitet. E. coli Bakterien sind recht nützlich für uns und wir brauchen sie im Darm. Aber wenn wir sie nicht gut mit Ballaststoffen füttern, uns fehlernähren (zu viele Proteinshakes z. B. sind kritisch für das Darm-Mikrobiom), nicht gut verdauen können (Enzymleistung zu gering, Magensäure zu gering) oder Entzündungseiweiß im Darm anfällt, dann kann er sich von anderen Dingen ernähren und produziert dann ebenso unschöne Produkte, von denen Ethanol auch möglich ist. Am stärksten allerdings macht das Klebsiella pneumoniae, von der in der Studie ein regelrecht Ethanol-hochproduzierender Strang identifiziert wurde. Jeder Mensch produziert durch Fermentation durch Mikroorganismen im Darm geringe Mengen Ethanol (ca. 0,01-0,02 mg/dL Blutalkohol). Erhöht sich die Klebsiella-Population im Darm kann diese Menge steigen und eine Besiedlung mit dem Hoch-Alkohol-produzierenden Strang kann zu einer kontinuierlichen Low-Dose-Belastung mit Alkohol führen.

Low-Dose-Alkoholbelastung: Ein mögliches Kontinuum

Das klassische Eigenbrauer-Syndrom stellt dabei vermutlich nur die sichtbare Extremform eines Kontinuums dar. Unterhalb dieser Schwelle könnte eine dauerhaft niedrig dosierte Ethanol- und Acetaldehydbelastung bestehen, die klinisch nicht als Intoxikation (Rausch) auffällt, den Stoffwechsel jedoch langfristig beansprucht. Wenn mir jemand sagt, er oder sie vertrüge irgendwie gar keinen Alkohol und lässt es deswegen auch bleiben, ist es für mich zumindest ein möglicher Warnhinweis. Hier sollte sich einfach mal der Darm angeschaut werden, denn vielleicht sind eigene Fermentationsprozesse erhöht (die zu Alkoholproduktion führen können oder auch nicht) und eben die Leber schon auffällig mitleidet. Ich freue mich über jeden, der klar signalisiert, die Hände vom Alkohol zu lassen, denn es gibt kaum eine schädlichere Droge, doch der Grund sollte untersucht werden.

Prävention vor der Schwangerschaft: Warum der Darm mitgedacht werden sollte

Es ist noch keine Studie publiziert, die so etwas mit einem FASD oder mit Symptomen verlinkt, die ADHS ähnlich sind. Wir stehen hier noch am Anfang, haben es mit vielen offenen Fragen zu tun, aber gleichzeitig eben auch mit praxisrelevanten Themen, sodass wir präventiv vielleicht doch schon tätig werden wollen.

Zur Therapie von Klebsiella pneumoniae ist übrigens kein direktes Mittel in der Naturheilkunde interessant. Es gibt Kräuter, die hier natürlich wirken können, aber es ist gut, sie in ein größeres Konzept einzubauen. Klebsiella schwindet von ganz allein, wenn das Milieu wieder stimmt. Eine systematische Darmtherapie ist daher sinnvoll, die allerdings auch etwas Zeit braucht. Idealerweise schaut man daher schon vor der Schwangerschaft auf das Thema. Wir vererben unser Mikrobiom ja auch weiter und wollen schließlich den besten Start für ein Neugeborenes.