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Huch, da ist sie: Die „18“ am Ende des Datums. Schon komisch wie eine Sekunde auf die andere über den Jahreswechsel entscheidet, wo wir doch so andächtig räuchernd und Geschichten lauschend einen ganzen Prozess durchmachen. Doch heute Nacht werden wir ohnehin aus der Ruhe gejagt, wenn uns Raketengeheul um die Ohren pfeift und das ehemalige Bösewicht verscheuchende Getrommel nun in eine Kriegsszenerie verzerrt ist. Hach, meine Gedanken sind in diesen lauten Stunden bei den Tieren. Vielleicht auch aus diesem Grund fiel meine intuitive Wahl des vorgestellten Räuchermittels auf die Myrrhe. Sie leckt die Wunden, aber lehrt uns auch eine erdverbundene Weisheit. Und dann geht es da noch um Wiedergeburt. Das ist ja passend zum (kalendarischen) Jahresbeginn.
Immer wieder hat es mir die Myrrhe, Commiphora myrrha, angetan, das Harz der Alten Göttinnen. Ihr Name entstammt dem Wort murr, das bitter bedeutet und so schmeckt sie auch. Aber noch viel mehr mag sich das Wort auf die Wahrnehmung des Lebens beziehen, wenn zu viel Leid das Leben bitter macht. In meinem Buch habe ich die Myrrhe eindrücklich mit ihrer geistigen Wirkung beschrieben. In ihrem Thema kommt das Bild vor, wie in einem Dornenkäfig gefangen zu sein und sich mit diesem Schicksal zu arrangieren. Oberflächlich betrachtet würde man meinen: Hier nimmt jemand Leid auf sich. Aus diesem Grund soll Jesus auch die Myrrhe geschenkt bekommen haben und wird Dornenkranz tragend dargestellt.

Myrrhe: Durch das Leid – zur Wiedergeburt

Fast alle der über 250 Arten der Commiphora-Arten tragen Dornen. Ein weitaus süßlicherer Duft und zäher in der Harzgestalt liefert das etwas weniger bekannte, aber in Räucherkreisen und im Ayurveda beliebte, Guggul, Commiphora molmol, aus dem ebenfalls eine tiefe erdverbundene Weisheit spricht. Noch so ein Harz alter Göttinnen.

Die Raunächte sind schließlich auch die Zeit an die Erinnerung dieser Mutterkraft und so lernen wir von der Myrrhe nicht das schlichte Akzeptieren von leidvollen Gegebenheiten, sondern das Überwinden und Hervorgehen aus ihnen. Dies geschieht, indem wir es wagen, tatsächlich das gesamte Ausmaß des Leids zu erfassen und – vielleicht mit kurzzeitiger Zuspitzung der schmerzvollen Erfahrung – in einem Befreiungsschlag durch die Dornen hindurch zu gehenund die Wiedergeburt unseres Lebens zu feiern. Die Göttin als Weise der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt, wird hier gebührend zelebriert. Es wundert nicht, dass Myrrhe ein so wichtiges Räuchermittel für weibliche Gottheiten des Alten Ägyptens war und in sämtliche Einbalsamierungs- und rituelle Salböle gehörte.

Dieser mutige Befreiungsakt ist ein Annehmen und Kämpfen für das Leben, eine Zurückeroberung für jene, die gelitten haben. Sie erdet uns und verbindet uns wieder mit ureigenen Energiequellen. Dass sie für so viele Krankheiten heilend wirken soll, ist daher nur verständlich.

So können wir mit Myrrhe räuchern und uns in schwierigen Zeiten täglich damit stärken. Wir können in uns hineinspüren, vor welchen leidvollen Umständen wir die Augen verschließen und sie still ertragen. Wovon können wir uns befreien, damit wir im neuen Jahr mit neugeborener Kraft, versöhnt-kriegerischer Natur und Willen unseren Weg neu entdecken?

Weihrauch – das Pendant

Wo Myrrhe zur Erde hin öffnet und uns ganz in unseren Körper holt, öffnet Weihrauch nach oben und verbindet mit hohen Inspirationen. Die zwei werden nicht umsonst gern zusammen genannt. Sie sind ein Power-Couple der Räucherwelt, verbinden das Männliche (Weihrauch) mit dem Weiblichen (Myrrhe). Beide reinigen und lehren uns als weise Meister/innen über unsere Eigenmacht und die Schöpfung unserer äußeren Umstände durch die Haltung in unserem Inneren.

Übrigens ist deren Kraft auch in der Homöopathie hochgelobt. Hier gibt es einen spannenden Artikel über die zwei mit 4 Fallgeschichten.

Möge uns nun die Inspiration der Myrrhe durch das Leiden des Lärms und der Verschmutzung durch Feuerwerkskörper geleiten und helfen eine geklärte Atmosphäre zu schaffen. Erobern wir für unsere Wildvögel, Wildtiere und Co die Freiheit zurück und lecken die Wunden der Natur, in dem wir einen Blick auf das Leid in unserer Umwelt haben und nicht still vorbeigehen, sondern es beachten und etwas bewegen. Es wird wehtun, doch am anderen Ende wartet die Erholung, die Erneuerung, die Wiedergeburt.

 

In diesem Sinne, ein frohes neues (Kalender-)Jahr!

Die 9. Raunacht

Sie steht für den September. Das Haupterntefest wird dann anstehen. All die Früchte vom Baum und vom Feld werden eingeholt und präsentiert. Man erntet, was man sät und pflegt. Was werdet ihr ernten? Schaut wie immer gern in die Karten, in die Runen, das I Ging (wenn es euch nicht zu spooky deutlich ist) oder in eure Träume. Worum wird sich euer September drehen? Welchen Hinweis bekommt ihr, womit euch alles besser gelingen wird? Die Zeit der Raunächte ist ausnahmslos gut geeignet, um den Blick aus dem Alltag auf die Fäden des Lebensweges zu werfen, der gerade gesponnen wird.

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Rätselfrage

Wo wir gerade in der Geschichtenzeit gelandet sind: Die dramatischsten Geschichten entstammen wohl der Griechischen Mythologie. Auch Myrrha kommt darin vor, die sich (wohl durch eine Verzauberung Aphrodites) in ihren eigenen Vater verliebte. Sie soll so erschrocken gewesen sein, dass sie sich ihr Leben nehmen wollte, doch die Liebe siegte und mit einem Trick gelang es ihr, sich zu ihrem Vater zu legen. Als der Schwindel aufflog, war er rasent vor Wut und wollte sie umbringen – von den Göttern wurde sie auf der Flucht in den Myrrhebaum verwandelt und weinte fortan die kostbarsten Harztränen. Eines Tages spaltete sich der Baum und aus ihm entsprang der Sohn der beiden. Wer war es?

Und weil ich schließlich Psychotherapie anbiete gibt es eine Zusatzfrage für Interessierte, die aber nicht losentscheidend ist: Nach jenem Sohn ist ein psychopathologischer Komplex benannt. Wie ist der eigentliche Fachbegriff dafür (also nicht der populäre Komplexname, sondern der medizinische Fachausdruck)?

Die Antwort:

Adonis soll der Myrrhe entsprungen sein und seine Schönheit wurde in Zeiten des Schönheitswahns in den 90er Jahren Inspiration für die deutschsprachige Namensgebung der Muskeldysmorphie bzw. Adonis-Komplex. Es ist eine Störung, die ähnlich der Anorexie zu Wahrnehmungsverzerrungen unseres Außenbildes führt. Hierbei geht um den gesteigerten Fokus einem muskulären Ideal zu entsprechen.

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